Kinderwunschmedizin in Deutschland: Ein Ausblick

Kinderwunschmedizin in Deutschland: Ein Ausblick

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Am 03. und 04. Dezember 2015 fand eine interessante Konferenz in Hamburg statt. Es war der 6. DVR Kongress, das wissenschaftliche und berufspolitische Treffen des Deutschen Dachverbandes für Reproduktionsbiologie und Medizin.

Als Bloggerin, die über Reproduktionsmedizin berichtet, wurde ich vom Veranstalter Interplan AG eingeladen, was ich ganz toll finde und wofür ich mich bei den Organisatoren herzlich bedanken möchte.

Die Atmosphäre im Congress Center Hamburg war dynamisch – es gab Fachvorträge, Keynote Lectures, Poster-Ausstellungen mit neuesten Forschungsdaten sowie Seminare und Firmenpräsentationen. Um Ihnen das Wichtigste aus der Welt der Kinderwunschmedizin nahe zu bringen (und Sie gleichzeitig vor zu viel Fachchinesisch zu schonen), werde ich einen Überblick geben und ein paar Highlights vorstellen, die ich für Frauen über 35 mit Kinderwunsch für wichtig halte und die Sie als Leserin von PaleoMama kennen sollten.

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1. Der beste Vortrag

Prof. Dr. Mats Brännström von der Universität Göteborg in Schweden berichtete von der ersten erfolgreichen Gebärmuttertransplantation.
Eine Gebärmuttertransplantation ist dann notwendig, wenn Frauen z.B. keine Gebärmutter ausgebildet haben, wie beim sog. Mayer-Rokitansky-Küster-Hauser-Syndrom, welches mit einer Häufigkeit von 1:4.500 Frauen auftritt.

Dr. Brännström erzählte dem zahlreichen Publikum, wie die Operation durchgeführt wird. Die Transplantation der Gebärmutter ist ein äußerst personal- und zeitaufwändiger Eingriff. Die OP dauert viele Stunden und die Empfängerin muss danach immunsupprimiert werden.

Im Oktober 2014 ist dem schwedischen Team die Gebärmuttertransplantation zum ersten Mal gelungen: Einer 36 Jahre alten Frau wurde die Gebärmutter ihrer Mutter erfolgreich eingesetzt. Und – obwohl sich die Mutter schon seit Jahren in der Menopause befand, schaffte ihre Tochter mit der neuen Gebärmutter einen gesunden Jungen zur Welt zu bringen. Also, die Gebärmutter wurde nicht nur transplantiert, sondern hat schon die erste erfolgreiche Schwangerschaft hinter sich gebracht, wow!

Auf meine Frage an Prof. Dr. Mats Brännström während der Pressekonferenz, was in Schweden anders gemacht wurde als in anderen Ländern, in denen Gebärmuttertransplantationen in den vergangenen Jahren ebenfalls versucht wurden, antwortete Dr. Brännström, dass es daran liegen könnte, dass sein Team fast zehn Jahre davor gelernt, den Eingriff geprobt und erst einmal an diversen Tiermodellen verstanden hatte, wie der Eingriff beim Menschen gelingen könnte.

Zum Schluss sagte er: „Viele Chirurgen halten sich für Götter und sind zu früh bereit, einen experimentellen Eingriff beim Menschen auszuprobieren“. Danke für die wunderbare Ehrlichkeit, Dr. Brännström.

 

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Foto mit freundlicher Genehmigung von luigi diamanti bei FreeDigitalPhotos.net

2. Keine Angst vor Designer-Babys!

Ob Internet, Fernseher oder Print-Medien – nirgendwo mangelte es in vergangenen Jahren an Meinungen, ob die Präimplantationsdiagnostik (PID) erlaubt werden sollte und  damit grünes Licht für die Entstehung und Massenproduktion von „Designer-Babys“ in Deutschland gegeben wird.

Was man nicht alles in Zusammenhang mit PID lesen konnte!

Von Angstszenarios, dass es bald zur „Auslöschung von Behinderten“ kommen würde oder dass man mit PID eine „eugenische Rutschbahn eröffnet“, bis hin zu einfachen Fantasien, dass in der Zukunft Eltern die Eigenschaften ihrer Kinder wie in einem Katalog bestellen (und sogar farblich abstimmen) werden.

Die öffentliche Debatte über PID hat sicherlich viele berechtigte Fragen gestellt, aber vor allem hat sie gezeigt, wie wenig Ahnung von Biologie und Genetik die allermeisten an der Debatte Beteiligten hatten, sogar diejenigen, die auf anderen Gebieten recht brillant sind und große Leistungen vorweisen können.

Aber zurück zu den Fakten.

Seit dem Inkrafttreten des Gesetzes zur Regelung der Präimplantationsdiagnostik im Jahre 2011 ist die genetische Untersuchung des Embryos unter bestimmten Umständen erlaubt.

Also, es kann Paaren mit Kinderwunsch, bei denen ein erhöhtes Risiko für die Geburt eines Kindes mit einer genetisch bedingten Erkrankung besteht (bzw. Paaren, bei denen aufgrund genetischer Veränderungen mit hoher Wahrscheinlichkeit mit einer Fehl- oder Totgeburt gerechnet werden muss), prinzipiell eine Präimplantationsdiagnostik angeboten werden.

Bei dem Verdacht auf „schwere genetische“ Defekte haben die Paare jetzt eine legale Option: mithilfe der PID sich nur einen Embryo einpflanzen zu lassen, der diese Erbkrankheit nicht in sich trägt. Ist das wirklich etwas, wovor sich die Öffentlichkeit fürchten muss?

Bei PID geht es wirklich nicht um die Bestellung von blauen Augen bei einem sonst perfekten Baby, sondern darum, dass oft späte Abtreibungen behinderter Kinder durch eine PID vermieden werden könnten.

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Nachdem das Gesetz  2011 erlassen wurde, dachten viele: Jetzt geht es los, jetzt kommen die Designer-Babys. Aber wie sieht die Realität aus?

Bisher sind in Deutschland erst zwei PID Zentren zugelassen. Dort haben etwa 70 Paare bis jetzt ihre Embryos untersuchen lassen. Von allen transferierten Embryonen wurden etwa 15-20 gesunde Kinder geboren.

Auch in Zukunft erwartet man nicht mehr als 150-200 PID-Fälle pro Jahr. Kein Kinderwunscharzt in Deutschland befürchtet eine Massennachfrage. Außer der Tatsache, dass PID bei gesunden Menschen schlicht nicht sinnvoll ist, muss das ganze komplizierte Verfahren noch selbst finanziert werden (was 10.000 Euro und mehr kostet).

Fazit: Wenn Sie sich irgendwas über PID merken wollen:

1) PID ist wirklich nichts, was Paare aus Spaß machen und

2) PID dient dazu, schwerste genetische Krankheiten auszuschließen.

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3. Das interessanteste Produkt: Juno Test zur Fruchtbarkeitsbestimmung

Als ich den engagierten österreichischen Arzt sah, der mit viel Enthusiasmus über den Test zur Bestimmung der Fruchtbarkeit erzählte, war ich zunächst skeptisch. Eizellreserve zu Hause bestimmen? Mit nur einem Marker aus dem Blut (AMH)? Ohne auf FSH und andere Hormone Rücksicht zu nehmen? Naja, dachte ich.

Ich bin zu ihm gegangen und nachdem wir eine halbe Stunde diese und viele andere Fragen diskutiert haben, wollte ich über Juno etwas hier auf dem Blog sagen. Und zwar etwas Positives.

Der Juno Fruchtbarkeitstest misst den AMH Wert im Blut und gibt die Information, wie viele Eizellen noch in den Eierstöcken der Frau vorhanden sind (und davon hängt ab, wie lange sie noch fruchtbar ist und schwanger werden kann). Bei manchen Frauen ist bereits im Alter von Mitte 30 die Eizellreserve weitgehend erschöpft, bei anderen erst Mitte 40. Mit diesem Fruchtbarkeitstest können Sie also herausfinden, wie lange Sie noch Kinder bekommen können.

Wie wird der Test gemacht? Zuerst werden diverse Fragebögen zu Ihrem Lebensstil, Ihrem Zyklus, Körpermaßen (und sogar zum Alter des Eintritts Ihrer Mutter in die Menopause!) ausgefüllt. Das hat mir gefallen, dass viele Faktoren zur Bestimmung der Fruchtbarkeit berücksichtigt werden und der Test keine schwarz-weiße Präsentation von nur einem Hormonwert darstellt. Für 190 Euro ist Juno eine lohnende Investition, finde ich.

Der AMH selbst wird aus dem Kapillarblut gemessen, was jede Frau einfach und schnell selbst zu Hause machen kann (und sagen Sie bloß nicht, Sie könnten das nicht).

Die Blutprobe wird in wenigen Tagen analysiert, die Frau bekommt das Ergebnis mit einer ausführlichen Interpretation online zur Verfügung gestellt. Im Ergebnis erhalten Sie eine Einschätzung darüber, wie viele Jahre Sie noch fruchtbar sind und wie sich die monatliche Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft mit der Zeit verändern wird.

Würde ich mich persönlich auf diese Information verlassen? Naja, mit 25 würde ich den Test auf jeden Fall machen (und danach alle zwei Jahre wiederholen). Aber mit 35 würde ich eher direkt zum Kinderwunscharzt gehen und mir eine umfassenderes Bild von meiner Fruchtbarkeit machen (ein Ultraschallbild und noch ein paar andere Hormone gehören dazu).

4. Die beste Aussage

während der Konferenz (gesagt vom Moderator von „Sinnvolle Hormondiagnostik in der Praxis“-Workshop): „Manchmal bin ich unglücklich, dass wir AMH-Marker überhaupt haben!“

Ja, so gut ist AMH im Voraussagen der Eizellreserve! Viele Eizellen bedeuten viel AMH Protein, wenige Eizellen – wenig AMH, bis es einmal unter die Nachweisgrenze sinkt und es mit der Fruchtbarkeit vorbei ist. Aber wie vermittelt ein Arzt diese Information einer unvorbereiteten Frau? Einer Frau, die möglicherweise mit einer ganz anderen Frage in die Praxis kommt, die vielleicht nicht einmal einen Partner hat? Also kein Wunder, dass mancher sich wünscht, die Information gar nicht erst bekommen zu haben.

 

5. Echte Hilfe oder schräge Fiktion? Die Verschiebung der Menopause mittels Ovarientransplantation

Sie haben etwas nicht verstanden? Ja, so etwas gibt es wirklich: Teile der Eierstöcke können einer Frau entnommen werden, um später wieder eingesetzt zu werden (dort, wo sie schon mal lagen, aber auch an einer anderen Stelle im Bauch oder sogar irgendwo ganz anders im Körper). Die ovariellen Gewebestücke bleiben hormonell aktiv und führen z.B. dazu, dass die Menopause bei der Frau erst Jahre später eintritt.

Aber wollen Sie wirklich so weit gehen, um den Eintritt der Menopause in die eigene Hand zu nehmen?

Vor allem wenn wir wissen, dass gesundheitliche Vorteile einer späten Menopause eher gering sind und dass eine späte Menopause nicht automatisch eine längere Lebenserwartung darstellt. Müssen wir auf manche medizinische Lösungen setzen, nur weil sie im technischen Sinne möglich sind?

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 6. Das witzigste Werbegeschenk

Wenn Sie jetzt denken, das witzige Lineal auf dem Foto oben dient dazu, um männliche Geschlechtsorgane zu vermessen, haben Sie recht! Und nicht nur das – auf dem Lineal befinden sich noch sehr praktische Tabellen, um die Hormonwerte in verschiedene Einheiten schnell zu konvertieren, so dass es den Platz vorübergehend auf meinem Schreibtisch gefunden hat (der Kommentar meines Mannes: „Aber es zeigt nur bis 26 cm“).

Hoffentlich war Ihnen der heutige Post nicht zu lang! Bis zum nächsten Mal!

By | 2018-10-22T17:47:59+00:00 Januar 15th, 2016|Tags: , , , |

About the Author:

Darja Wagner ist Zellbiologin und Kinderwunschberaterin. Sie forschte am Max-Planck-Institut und an der Freien Universität Berlin. Autorin vom top-bewerteten #1eBook "Schwanger werden nach 35 plus". Darja hilft Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch, die Qualität ihrer Eizellen zu verbessern und ihren Körper optimal auf die Schwangerschaft vorzubereiten. Sie lebt in Berlin-Kreuzberg mit ihrem Mann und zwei Söhnen.

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