Das deutsche Embryonenschutzgesetz stammt aus dem Mittelalter der Reproduktionsmedizin

Das deutsche Embryonenschutzgesetz stammt aus dem Mittelalter der Reproduktionsmedizin

baby aus stamzellenHaben Sie es vielleicht schon gehört? Es gibt in der Welt der Reproduktionsmedizin und der Eizellenforschung eine große Neuigkeit, die in den letzten Wochen viele Schlagzeilen gemacht hat:

In Toronto hat nämlich eine 34-jährige Frau vor wenigen Wochen einen Sohn zur Welt gebracht, nachdem Ärzte ihre Eizellen mit ihren eigenen Mitochondrien (Teile der Zellen, die für die Energieproduktion zuständig sind) aufgerüstet hatten.

Die Mitochondrien, also die Kraftwerke der Zelle, gewannen die Reproduktionsmediziner aus Stammzellen, die sie ihren eigenen Eierstöcken in Form einer kleinen Biopsie entnommen hatten. Zuvor waren bei ihr Befruchtungsversuche über vier Jahre lang fehlgeschlagen.

So sehr ich mich darüber freue, dass in Deutschland diese Nachricht angekommen ist, möchte ich trotzdem stolz darauf hinweisen, dass auf diesem Blog hier zum ersten Mal darüber geschrieben wurde.

Also gerade, als ich überlegte, einen Kinderwunschspezialisten zum Interview einzuladen, um hier auf PaleoMama zu besprechen, wie viele Frauen in Deutschland von der Methode profitieren könnten, kam mir der Verdacht, dass so etwas unser Embryonenschutzgesetz doch verbiete und dass so ein Eizellen-Botox bei uns nicht möglich sei.

Eine kurze Recherche hat alle Zweifel vertrieben: In der neuen Ausgabe von FOCUS wurde von einem Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe darauf hingewiesen, dass die Methode hierzulande verboten wäre. Grund: Es handele sich um einen Eingriff in die Keimzellen. In die Grundsubstanz sozusagen.

samen offene spendeAlso den alten Eizellen mit eigenen Zellteilen nachzuhelfen ist ein Eingriff in die menschliche Würde und Identität, warum auch immer. Spermien dagegen werden fleißig aufbereitet, selektiert, ausgeliehen, von unreifen Ausläufern zusammengekratzt, je nach dem, was gerade ansteht und gebraucht wird.

Da die Reproduktionsmedizin und alle Vorgänge rund um IVF, ICSI (vor allem bei Frauen über 35) in den letzten Jahren große Fortschritte machten, wäre jetzt sicherlich die Zeit gekommen, das deutsche Embryonenschutzgesetz, was eh aus dem Mittelalter der Reproduktionsmedizin stammt, einmal grundsätzlich aus den alten Verkrustungen zu lösen und es gründlich zu überarbeiten.

Es ist doch der pure Wahnsinn, dass eine Frau zwar mit jedem beliebigen Sperma (sogar zu Hause, im Rahmen einer heterologen Insemination, wie es gleichgeschlechtliche Paare oft praktizieren) schwanger werden kann, dass Spermien in Kinderwunsch-Praxen sorgfältig aufbereitet, herausgepickt und aufgepimpt werden, aber eine Eizellspende in Deutschland nach wie vor verboten bleibt.

Nicht nur das – die Ärzte, die eine Frau hormonell und logistisch auf den Vorgang der Eizellspende im Ausland vorbereiten (sogar im EU-Ausland), machen sich damit theoretisch zumindest strafbar – als wäre nicht genug Leid und Stress bei unerfülltem Kinderwunsch auf allen Seiten vorhanden.

warum eizellspende verbotenDas rigide Gesetz zum Schutz von Embryonen stammt aus dem Jahr 1991. Chronologisch ist das das Mittelalter der Fortpflanzungsmedizin, faktisch sogar die Jungsteinzeit.

Viele Techniken, wie etwa die PID (Präimplantationsdiagnostik), gab es damals noch nicht. Ein Mangel an technischen Möglichkeiten in Kombination mit veralteten Moralvorstellungen führte dazu, dass die Eizellspende in Deutschland verboten blieb.

Immer mehr Frauen wollen sich mit dieser offensichtlichen Diskriminierung nicht mehr abfinden.

Schätzungen der Europäischen Gesellschaft für Reproduktion und Embryologie (ESHRE) zufolge pilgern jedes Jahr über zweitausend deutsche Paare für eine Fruchtbarkeitsbehandlung ins Ausland. Der Hauptreisegrund für den unerfüllten Kinderwunsch ist die Eizellspende. Spanien und Tschechien sind dabei die beliebtesten Ziele. Allein in Prag bieten etwa ein Dutzend Kliniken ausländischen Paaren ihren Service an – mit deutschsprachigem Personal, gut organisierter Logistik und angeschlossenen Hotels.

Aber warum wegen einer Eizellspende nach Spanien, Tschechien oder sogar in die Ukraine reisen? Warum sich für wahnsinnige Summen eine Gebärmutter in den USA oder gar in Fernost leihen, warum nicht gleich zu Hause bleiben?

Und das Allerwichtigste: Warum nicht von vornherein einen Lebensstil pflegen, der es Frauen ermöglicht, ihre Eizellen möglichst fit zu halten? Schon in jungen Jahren sowohl eine Ernährung als auch ein paar andere Gewohnheiten anzunehmen, die die Fruchtbarkeit der Frau nachweislich steigern?

Und erst dann – falls es trotz aller Maßnahmen doch nicht klappt, auf natürlichem Wege schwanger zu werden – und nur dann auf eine IVF zuzugreifen und zwar eine, die mit neuen Forschungsrealitäten einigermaßen übereinstimmt und im eigenen Land stattfinden darf?

 

By | 2018-10-22T17:56:02+00:00 Juni 23rd, 2015|Tags: , , |

About the Author:

Darja Wagner ist Zellbiologin und Kinderwunschberaterin. Sie forschte am Max-Planck-Institut und an der Freien Universität Berlin. Autorin vom top-bewerteten #1eBook "Schwanger werden nach 35 plus". Darja hilft Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch, die Qualität ihrer Eizellen zu verbessern und ihren Körper optimal auf die Schwangerschaft vorzubereiten. Sie lebt in Berlin-Kreuzberg mit ihrem Mann und zwei Söhnen.

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