klinische studien, versuchskaninchen

Foto mit freundlicher Genehmigung von radnatt bei FreeDigitalPhotos.net

Meine Tante nimmt an einer klinischen Studie teil.

Nein, die Studie hat mit Eizellen nichts zu tun, die Tante hat ihre Wechseljahre schon hinter sich.

Sie lebt in Bosnien und hat Arthritis. So etwas wird in Bosnien nicht nach neuesten Erkenntnissen behandelt. In Bosnien kommt man kaum dazu, junge Menschen mit ernsthaften Krankheiten zu behandeln. Alte Menschen mit Rheuma werden ignoriert. Man ist ja froh, in das Alter gekommen zu sein, in dem Rheuma ein ernsthaftes Problem darstellt.

Meine Tante berichtet überglücklich und stolz, das sie bald an der klinischen Studie einer der größten Pharmafirmen der Welt teilnehmen darf. Es wurden nur ein Dutzend Patienten in ganz Bosnien ausgewählt und sie ist dabei.

Sie wird im Krankenhaus behandelt.

Mit einer echten Therapie, nicht nur mit Schmerzmitteln. Ihre Ärztin hat sie für die Studie empfohlen, da die Tante nicht nur starke Arthrose hat, sondern ihr ganzes Leben in der Buchhaltung gearbeitet hat und diverse Protokolle ganz hervorragend und kompetent führen kann. Klinische Studien leben ja von guter Protokollführung: jede Einzelheit muss sauber aufgezeichnet werden, unzählige Bluttests werden gemacht, eine nahtlose Zusammenarbeit mit Ärzten wird verlangt.

Meine Tante freut sich riesig.

Sie wird an den Tagen, an denen sie die neue Therapie bekommt, Urlaub nehmen. Die Prozeduren im Krankenhaus brauchen Zeit, nach Sarajevo muss sie erst einmal eine Stunde mit dem Auto fahren. Sie möchte von mir wissen, wie sie sich bei den Ärzten am besten bedanken solle?

Mit Geschenken, aber welchen?

Ich überlege am anderen Ende der Telefonleitung.

Einerseits möchte ich den Enthusiasmus meiner Tante nicht bremsen, da ich weiß, das das, was auch immer sie da gespritzt bekommt, besser sein wird als die ewig gleichen uralten Schmerzmittel.

Hoffentlich.

Ich frage sie vorsichtig: weißt du, welche Medikamente du bekommst? Welche Wirkstoffe?

Sie sagt: irgendetwas Neues, Biologisches.

Ich fragte mich, warum würde ein Pharmariese wie Glaxo-Smith-Klein seine klinischen Studien in Bosnien machen wollen? Das sie aus Kostengrunden nach Osteuropa gehen und dort Probanden rekrutieren, ist nichtsNeues. Aber Bosnien? Wo es praktisch gar keinen gesetzlichen Rahmen gibt?

Ich versuche meiner Tante zu erklären, dass jede klinische Studie, sogar die banalste, immer ein Experiment darstellt. Ich habe vor einigen Jahren an einem Institut für klinische Studien volontiert, außerdem gehörte die Theorie zur Durchführung der Studien zu einem der Kurse, die ich an der Freien Universität unterrichtet habe.

Klinische Studie bedeutet, dass Patienten verschiedenste  Risiken auf sich nehmen – immer. Das neue Therapien vielen Probanden auch helfen, ist sicherlich eine gute Sache. Aber die Pharmafirmen sind vor allem an den Nebeneffekten der Medikamente  interessiert, denn nur so können sie lernen, ob neue Therapien etwas taugen oder was noch verbessert werden kann.

Deshalb bekommen Probanden in klinischen Studien Geld. Meine Tante lacht. Wirklich? In Europa werden Patienten noch bezahlt, für die Möglichkeit, dass ihnen geholfen wird? Sie dachte, dass sie ihrem Arzt eher noch etwas in den Kittel stecken solle? So macht man es ja in Bosnien. Sie können sich nicht vorstellen, was es heißt, in Bosnien als Hebamme, als Polizist oder als Zollbeamter zu arbeiten. Es gibt unzählige Witze darüber und alle sind wahr.

Ich frage noch: welche Phase der Studie ist es? Die erste Phase nämlich erledigt man oft schon in Tierversuchen, oder mit wenigen Probanden. Vielleicht die zweite Phase, wo immer noch viel mit Dosierungen gespielt wird? Oder die dritte, was ganz gut wäre?

Die Tante wird kurz nachdenklich, fragt aber trotzdem, was sie dem Arzt schenken soll.

Ich begreife: Glaxo-Smith-Klein hat in Bosnien eine wahre Schatzkammer gefunden.

Eine Menge unversorgter Patienten, die ihre Teilnahme am Experiment voller Hingabe und äußerst fokussiert durchführen. Früher musste man noch in die entferntesten Gebiete Afrikas reisen, um so etwas zu finden, jetzt liegen uns in nur einer Flugstunde Entfernung Daten vor in einer Qualität, von der jeder Studien-Manager nur träumen kann.

Bestimmt kommt baldein neues Präparat gegen Rheuma auf den europäischen Markt. Etwas Biologisches; daswird bestimmt jeder Arzt verschreiben wollen. Die Krankenkassen werden dafür teuer bezahlen. Es wurden schließlich klinische Studien durchgeführt.